"Wir sprechen nicht davon, daß wir eine Skulptur "planen"; wir sprechen von dem Bedürfnis, einer sehr tiefen Empfindung, einer Erfahrung Ausdruck zu verleihen. Wir sprechen von Realisierung und für sie gibt es keine feste Strategie, sondern sie gleicht eher einem Tasten nach Stimmigkeit."
(Louise Bourgeois)

Für die Bildhauerin und Zeichnerin Ev Pommer ist der Mensch Ausgangspunkt und Maßstab ihrer künstlerischen Reflexionen, die sie in material formt und vergegenständlicht, ohne dass dabei tatsächlich menschliche Körper entstehen. Mit Stoff umwickelte Konstruktionen aus weiß bemalten Ästen und Zweigen, dünnwandigen, aus Gips und Wachs geformten Hüllen umschreibt sie den menschlichen Körper, ohne ihn abzubilden. Dabei begibt sich Ev Pommer auf eine Gratwanderung: fasziniert von der Beschaffenheit und Stofflichkeit der Dinge und Materialien, gelangt sie zu poetischen, inhaltlich verdichteten Schöpfungen, die nicht in ästhetischer Verflachung enden sollen. Die Fragilität vieler Arbeiten erscheint wie ein Verweis auf die Verletzlichkeit und damit Schutzbedürftigkeit des Menschen. So erinnern Holzarbeiten wie "reflecting the moon", "Kopfstück" oder die 1999 entstandene Arbeit "ohne Titel" an skurrile medizinische Stützkorsetts. Es wohnt diesen einfachen technischen Gebilden eine nicht greifbare Funktionalität inne. Material und Farben werden mit Bedacht ausgewählt und sparsam eingesetzt. So kann ein Hauch von roten Pigmenten auf weißem Gips aufgetragen eine sehr starke Wirkung erzielen, etwa eine Verletzung andeuten. Für eine neue Wandinstallation mit dem Titel "Sequenz" hat die Künstlerin etwa 150 kleine ringförmige Gebilde aus wachsüberzogenen Textilfäden geformt. Die Ringe variieren in Größe und Farbe: die meisten sind weiß, einige rot gefärbt. In mehreren Reihen und unregelmäßiger Anordnung befestigt, scheine die ringe wie rätselhafte Schriftzeichen vor der weißen Wand zu schweben. Tatsächlich hängen sie an aus der Wand ragenden, dünnen Nägeln. Statt einer Geheimschrift könnte es sich auch um die grafische Darstellung eines bereits entschlüsselten Codes handeln. Die Ambivalenz ist durchaus beabsichtigt, die Künstlerin legt dadurch eine Fährte für den Betrachter, die zu ihren eigenen Überlegungen und Empfindungen hinführen kann. Parallel zu den Objekten entstehen Zeichnungen, die einen eigenen Werkkomplex bilden. Für Ev Pommer können sie ein gedankliches Bild vervollständigen oder weiterführen. Die Papierarbeiten sind mehr als bloße Ideenskizzen oder Entwürfe für die Skulpturen. In ihnen setzt sie sparsame aber umso kraftvollere farbige Akzente. Feinnervig gezeichnete Bleistiftlinien beginnen mitten in der Fläche, werden unterbrochen und fortgeführt, schweben im Raum oder deuten eine Kontur an. Genau wie bei ihren Objekten arbeitet Ev Pommer mit einer äußerst reduzierten Farbpalette. Jedes Detail erlangt auf diese Art eine gesteigerte Bedeutung. Flüchtigkeit und Ewigkeit berühren sich für einen Augenblick.

 

Manuela Lintl